Die Tücken der Schadenfreiheitsklassen

Wie hoch der Beitrag für eine Autoversicherung ausfällt, hängt von mehreren Faktoren ab. Dazu zählt das Fahrzeug selbst, persönliche Daten des Fahrzeughalters (wie Beruf, Alter) sowie die individuellen Schadenfreiheitsklassen. Diese werden auch als SF-Klassen bezeichnet. Damit verbunden spricht man auch vom SFR, der Abkürzung für Schadenfreiheitsrabatt.

Die Grundidee hinter den Schadenfreiheitsklassen ist, dass unfallfreies Fahren belohnt wird. So wird für jedes Jahr, in dem keine Schäden vom Versicherer reguliert wurden, ein Jahr zum SFR hinzuaddiert. Ein Beispiel könnte so aussehen:

 

  • SF2 (zwei schadenfreie Jahre): 85 Prozent
  • SF3 (drei schadenfreie Jahre): 80 Prozent
  • SF4 (vier schadenfreie Jahre): 75 Prozent

 

Die Prozentzahl gibt an, welchen Anteil des Versicherungsbeitrages Sie tatsächlich zahlen müssen. Angenommen, Ihr Auto würde im Jahr 1.000 Euro Versicherung kosten. Mit SF2 und 85 Prozent würden Sie dann nur 850 Euro im Jahr bezahlen.

Auf den ersten Blick handelt es sich um ein einfaches System. Tatsächlich ist es dies nicht. Die Regelung mit den Schadenfreiheitsklassen hat ihre Tücken. Um zu verhindern, dass Sie hier böse Überraschungen erleben, wollen wir einen näheren Blick darauf werfen.

 

SFR und Prozente sind zwei verschiedene Dinge

Wie viel Prozent die jeweilige SF-Klasse ausmacht, ist nirgends festgeschrieben. Leider weiß das nicht jeder. Die Folge ist, dass manche Menschen bei einem Versichererwechsel nach den Prozenten gehen. „Ich habe 45 Prozent in der Haftpflicht und 60 Prozent in der Vollkasko. Was kostet mein Auto beim Mitbewerber?“

Ist ein günstigerer Anbieter gefunden, wird die bestehende Versicherung gekündigt. Kurz nach Jahreswechsel kommt dann die böse Überraschung: Das Auto kostet viel mehr, als im Angebot stand. Wie konnte das geschehen? Der Grund ist, dass der neue Versicherer nicht die Prozente, sondern die schadenfreien Jahre übernommen hat. Aus dieser Sichtweise hatte der Kunde nicht 45 und 60 Prozent, sondern vielleicht SF10 und SF9. Beim neuen Versicherer bedeutet das aber 55 und 70 Prozent. Wird dies nicht beachtet, zahlen Sie unter Umständen jahrelang höhere Beiträge als notwendig!

versicherung.auto empfiehlt:

Versicherungsvergleiche sollten niemals nach Prozenten geführt werden. Wenn Sie Ihren SFR nicht wissen, finden Sie ihn in der letzten Beitragsrechnung. Bitte gehen Sie nicht nach der Versicherungspolice. Wenn diese schon mehrere Jahre alt ist, werden die SFR-Angaben nicht mehr stimmen.

 

Die Verteilung der Prozente auf die schadenfreien Jahre ist nicht festgelegt

Hier finden wir einen zweiten Knackpunkt: Jeder Versicherer kann selbst entscheiden, ab wie viel schadenfreien Jahren er Ihnen weniger Prozente gibt. So kann es sein, dass Versicherer A Sie drei Jahre lang bei 55 Prozent belässt, während Versicherer B Sie im gleichen Zeitraum um zehn Prozent niedriger einstufen würde.

 

Vorsicht, Schaden!

Wenn der Versicherer im laufenden Jahr einen Schaden für Sie bezahlt hat, wird er Sie danach hochstufen. Sprich: Sie erhalten einen schlechteren SFR. Dies geschieht allerdings nicht unmittelbar nach der Schadenszahlung. Stattdessen wir die Änderung zum nächsten Jahreswechsel wirksam. Leider wird dies oft übersehen.

Hinzu kommt der bereits erwähnte Umstand, dass jeder Versicherer seine eigene Verteilung der Prozente auf die SFR-Klassen vornimmt. So kann es sein, dass Versicherer A Sie um 20 Prozent hochstuft, während es bei Versicherer B 30 Prozent sind.

 

Unsere Empfehlung:

Falls Sie im laufenden Jahr einen Schaden hatten, sollten Sie abklären, wie der nächste Versicherer Sie einstuft, bevor Sie einen Anbieterwechsel vollziehen. Sobald Sie diese Informationen besitzen, finden Sie mit dem Beitragsrechner auf versicherung.auto schnell heraus, was Sie künftig dort bezahlen würden.

Achtung:

Es gibt separate SF-Klassen für Haftpflicht und Vollkasko. Wo Sie hochgestuft werden, richtet sich nach der Art des Schadens. Grundsätzlich gilt:

 

  • Sie haben einen Schaden verursacht, den der Versicherer jemand anderem ersetzen muss: Haftpflicht
  • Sie haben einen Schaden am eigenen Fahrzeug verursacht: Vollkasko
  • Bei der Teilkaskoversicherung gibt es keine SF-Klassen. Ein Zusammenstoß mit einem Reh oder ein Glasbruch führt also zu keiner Hochstufung.

 

Keine Regel ohne die Ausnahme:

In manchen Fällen wirkt sich ein Schaden auf Haftpflicht und Vollkasko aus. Dazu ein Beispiel:

Sie rammen mit Ihrem Auto einen anderen PKW. Der Schaden am anderen Fahrzeug beläuft sich auf 10.000 Euro. Ihr eigener Wagen wurde ebenfalls beschädigt. Hier sind es 5.000 Euro Schaden.

Der Versicherer bezahlt beide Rechnungen. Im nächsten Jahr werden Sie dafür in der Haftpflicht UND Vollkasko hochgestuft.

 

Verträge vor und nach 2012

Es gab eine Zeit, in der die Versicherer ihren Kunden ein kleines Geschenk für 25 Jahre unfallfreies Fahren machten: einen Rabattretter. Dies bedeutet, dass Sie einen Schaden „frei hatten“, ohne hochgestuft zu werden. Diese Regelung wurde 2012 flächendeckend abgeschafft. Falls Ihr Versicherungsvertrag noch diesen Bonus enthält, sollten Sie ihn nicht leichtfertig kündigen. Insbesondere, wenn Sie im laufenden Jahr einen Schaden hatten. Ihr bisheriger Versicherer wird in dem Fall Ihre Prozente nicht verändern – der neue hingegen schon.

 

Der „neue Rabattretter“

Es gibt eine neue Art von Rabattretter. Dieser wird von mehreren Versicherern angeboten und verhindert grundsätzlich, dass Sie nach einem Schaden hochgestuft werden. Der Retter gilt normalerweise für einen Schaden pro Jahr. Auch hier gehen die einzelnen Versicherer unterschiedliche Wege. Wichtig ist, dass Sie wissen, dass der Rabattretter eine interne Regelung ist, die nur für Ihren Vertrag mit diesem Versicherer gilt.

Ein Beispiel:

Ihr Vertrag läuft auf SF12. Im August verursachen Sie einen Unfall. Unter normalen Umständen würde der Versicherer Sie im Folgejahr auf SF7 zurückstufen. Durch den Rabattretter wird dies verhindert. Tatsächlich vermerkt der Versicherer aber (intern) SF7 in Ihrem Vertrag. Wenn Sie nun den Versicherer wechseln, wird Ihr alter Anbieter dem neuen Versicherer melden, dass Sie ab Januar SF7 haben. Entsprechend wird Ihr Beitrag deutlich höher ausfallen.

Besonders ärgerlich wird es, wenn Sie nach einem Schaden von Ihrem Sonderkündigungsrecht Gebrauch machen. Da der Wechsel unter dem Jahr erfolgt, wird der neue Versicherer den Vertrag erst einmal mit SF12 fortführen. Zum Jahreswechsel stuft er Sie dann auf SF7 (oder einen anderen SFR) ein.

 

Vorsicht mit Sondereinstufungen

Es kommt gelegentlich vor, dass ein Versicherer seinem Kunden eine Sondereinstufung „schenkt“. Auch hier handelt es sich um eine interne Vereinbarung. Der neue Versicherer wird diese Regelung im Allgemeinen nicht übernehmen. Es gilt also, dass ein Wechsel des Versicherers nur aus gewichtigen Gründen erfolgen sollte.

 

 

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